Kündigen mit GIRLS

lisa gegenlicht2 (1 von 1)

Was auch nicht schön ist: Wenn dir nachträglich in der Glotze ein Spiegel vorgehalten wird. So geschehen diese Woche, nach einem arbeitsreichen Tag um 23:55 Uhr, als ich mir endlich die dritte Staffel von GIRLS bei Wein und e-Kippe zu Gemüte führe.

Und dann schaue ich so der Lena Dunham in Folge 11 “I Saw You” zu, wie sie da in der GQ-Redaktionskonfi sitzt und auf einmal beim Brainstorming für irgendein beklopptes Advertorial förmlich im- und dann explodiert und denk mir:

“Fuck! Das bin ja ich. Also, so ein bisschen. Rückwirkend betrachtet.”

Warum habe ich diese Folge nicht schon viel früher gesehen!? Vielleicht hätte ich dann noch früher meinen Redaktionsjob gekündigt (der zugegeben inhaltlich nicht ganz so Unterhose war wie im Fall Hannah Horvath) und mir etwas Leidenszeit erspart?

Das ist natürlich Quatsch, denn alles ist ein Prozess. Erkenntnis tut zwar weh, ist für Veränderung aber bitter nötig. Man darf nur nicht den richtigen Zeitpunkt für den Absprung verpassen. So wie Hannah Horvath. Die möchte ihre Zeit respektive ihr Talent nicht länger damit vergeuden, sich adäquate redaktionelle Umfelder für Produkte aus den Hirnwendungen zu quetschen – und macht kurzen Prozess.

Einfach mal kündigen.

So oft habe ich davon geträumt. So viele Menschen habe ich beneidet, die den Schritt gegangen sind. Und so oft hat mir die Vorstellung Angst gemacht.

Und dann passiert es plötzlich. Endlich. Nach Tränen und einem halben Nervenzusammenbruch – und kurze Zeit später frage ich mich: Wovor hattest du eigentlich Angst? Es der Vorgesetzten mitzuteilen? Ach, das hatte ich mir schon gedacht. Die Reaktion der Eltern? Wenn es dir damit besser geht – mach es! Die Reaktion der Freunde? Längst überfällig, Lieschen. Der ungewissen Zukunft? Boah, hab ich auf einmal Bock auf Zukunft! Der finanziellen Misere? Geh ich zur Not halt in einer Bar arbeiten, macht auf jeden Fall mehr Spaß (glaube ich.) Der Verlust des Lebensstandards? Die riesengroße Wohnung konnte ich nie wirklich sauber halten.

Erstmal fällt eine unglaublich große Last ab.

Stattdessen stellt sich ein: Die erste Vorahnung von Freiheit. Was mache ich in vier Monaten? Och, mal sehen. Ein paar Wochen lang reisen. Bisschen jobben. Oder einfach nix? Dann eine gesunde Distanz zum Noch-Job. KPIs fürs nächste Quartal? Mir doch latte. Ich ziehe mir nicht mehr alles so rein, gehe nicht mehr in jedes Meeting und wühle weniger akribisch Reportings durch. Leichte Zukunftsangst gesellt sich natürlich dennoch dazu. Also werden erstmal perspektivisch Kosten minimiert und bisherige Lebensstandards umgekrempelt. Ansonsten hilft: Der Glaube an dich selbst.

Dann geht es erstmal nur um mich. Auf einmal habe ich wieder ganz viel Energie. Ich schreibe endlich den Menschen, denen ich schon längst geschrieben haben wollte. Ich bringe endlich die olle Brotbackmaschine zum Sperrmüll. Ich sortiere meinen Kleiderschrank. Ich mache lange Spaziergänge mit meinem Hund. Ich suche ein neues Layout für mein Blog aus, das ich vier Jahre lang pausiert habe. Und – das Allerbeste – gründe ein Unternehmen mit den zwei fantastischsten Leidensgenossinnen der Welt.

Kündigen kann so schön sein. Einfach mal machen.

Foto Credit: Pelle Buys

26 April, 2015

3 thoughts on “Kündigen mit GIRLS

  1. “KPIs fürs nächste Quartal? Mir doch latte.” – Haha, das kommt mir irgendwie bekannt vor. Lustigerweise befand ich mich auch grad in der Pre-Kündigungsphase und dachte plötzlich “Wieso denn nicht?!” Und ja, auch ich hatte leichte Panikattacken, aber im Nachhinein fühlt es sich ganz wunderbar richtig an. Was ich heute in einem Jahr machen werde? Keine Ahnung, und das finde ich großartig.

  2. Seit einem halben Jahr das gleiche durchgemacht, vor einem Monat habe ich gekündigt – total befreiend.

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