Okt 20, 2009
Treffpunkt Tagesspiegel | Zu modisch für die Mode?
Gestern lud der Tagesspiegel zu einem kleinen, feinen Symposium ins Babylon Kino ein. Designer Michael Sontag und Leyla Piedayesh, Joop!’s Kreativdirektor Dirk Schönberger, Michael Werner von der Textilwirtschaft sowie Karl-Heinz Müller, Geschäftsführer der Bread&Butter diskutierten mal angeregter, mal langatmiger zum Thema “Too Fashionable for Fashion? - How Berlin can be transformed into a city of fashion?” Moderator Lorenz Maroldt, Chefredakteur des Tagesspiegels, warf Fragen in die Runde wie “Was fehlt Berlin zur international relevanten Modestadt?”, “Sollten Modeschauen prinzipiell jedem zugänglich gemacht werden?”, “Gibt es einen Berliner Stil?” Und auch wenn nur einige Antworten der Podiumsteilnehmer Licht ins Dunkel bringen konnten (Fragen aus dem Publikum durften leider nicht gestellt werden), so löste zumindest eine Äußerung Karl-Heinz Müllers einen Gedankengang bei mir aus, den ich kurz ausführen möchte.
In der Diskussion um Subventionierung von (Nachwuchs-) Designern wies dieser darauf hin, dass ein Großteil der fortlaufend enststehenden Kollektionen/Designs, im Grunde genommen “Mist” sind und Mode letzten Endes eben nur bzw. in erster Linie eine Ware ist. Hier nun liegt meines Erachtens genau die Crux - Mode ist eben nicht nur ein Milliarden-Business, Mode ist - und das wird nach wie vor zum Teil vehement bestritten - ein wichtiges Kulturgut. Der Atem der Veränderung, Ausdruck von Bewegung und Zeitgeist. Und wo, frage ich, wird (deutsche) Modekultur mehr gelebt, wenn nicht in Berlin? Wer Städte wie Hamburg, München oder Köln kennt, wird mir zustimmen, dass in keiner der besagten Städte die Luft annähernd so von einem kulturellen Modeverständnis geschwängert ist, wie eben hier in Berlin. Sprich, die Kultur ist da und eben auch förderbar. In einigen Köpfen muss sich diese Denke zweifelsohne noch viel stärker festsetzen und genau dazu tragen Veranstaltung wie beispielsweise die Mercedes Benz Fashion Week Berlin und Bread&Butter bei.
Lange, so denke und hoffe ich, wird es nicht mehr dauern, bis das Umdenken stattfindet und dann wird auch schnell der nächste Schritt einsetzen - die Förderung. Der Nährboden ist und bleibt Berlin, der Garant für eine morbid schöne Vielfältigkeit, die dem oftmals zitierten “Pariser Chic” bereits jetzt schon in allen Facetten ebenbürtig ist.



Wow! Der Bericht ist wirklich fesselnd und spannend beschrieben. Bin ganz begeistert!
Und ich stimme dir auch zu: als ich letztes Jahr das Glück hatte Berlin zu besuchen, war ich fasziniert von der ganzen modischen Vielfalt auf den Berliner Straßen.
Habe auf meinem Blog auch noch einmal alles zusammengefasst und kann dir nur zustimmen. Zum Glück haben Michael Werner und Dirk Schönberger ja ebenfalls auf den kulturellen Charakter der Mode hingewiesen. Ich bin aber auch der Meinung, dass der Staat sich hier raushalten sollte, da ist die Industrie einfach mehr gefordert!
das hätte man sich gestern echt sparen können, das abendessen im anschluß schuf den rettenden ausgleich.
und zu karl heinz müller..bekommt der denn nicht auch förderungen?
hhmmm also ich finde, du hast recht, was den mode spirit angeht aber in sachen chicness schmerzen mir jedes mal die augen. die damen in paris kleiden sich auch mit low budget noch um welten ansehnlicher als die berliner schnute.
nicht alles ist förderungswürdig, wie herr müller bereits erwähnte. aber da wird es dann wieder schwer, wer enscheidet über würdig und nicht-würdig. ich kann nur den kopf schüttel über jammernde möchtegern-designer wie piedayesh, mit eigenem laden im angesehendsten viertel berlins und weltweitem verkauf, modenschau auf der berlin fashion week und horrenden preisen wie ca. 350€ für nen schal, die sich “koryphäen” wünscht, die ihr gefälligst helfen sollen. so lange solch eine frau für berliner mode steht, wird belin in seinem sumpf an eigenverliebtheit und wochenendskreativität gammeln. ich liebe und lebe in berlin, aber berlin hat noch ne menge zu lernen. vorallem mode nicht ständig als exklusivgut zu handeln, sondern es endlich mal jedem zugänglich und verständlich zu machen, dann würde sich vielleicht auch endlichmal soetwas wie modeverständnis entwickeln, aber solange giselar müller nicht erwünscht ist, wird sie weiterhin zu h&m und zara gehen.
@Anne: Dito, ich sehe hier auch in erster Linie die Modewirtschaft in der Verpflichtung.
@Mel: So weit ich weiß, ja!
@Julia: Ob einem das, was auf den Berliner Strassen rumläuft, gefällt oder nicht, sei erst mal dahingestellt. Mir geht es darum, dass wir hier natürlich nicht einen Pariser Chic haben (und vermutl. auch gar nicht haben wollen), dafür aber ein ganz eigenes, eklektisches Modebild, welches eben mindestens genau so spannend ist.
@anna: Guter Punkt!
Find ich ganz super! Sehr interessanter Beitrag und finde es auch ganz toll, dass Berlin ein großes Herz für Mode hat. Aber auch Wien ist im Kommen, siehe Kirchengasse, Vienna Fashion Week usw.
Liebe Grüße aus Wien: http://einsommerkind.blogspot.com/
Ich finde, das Thema ist gar nicht so sehr wie modisch kompetent Berlin ist, sondern, daß Deutschland insgesamt so hinterher hinkt. Ich bin etwa einmal monatlich in Paris und kann nur bestätigen, daß das was sich da abspielt einfach großartig ist. Und zwar gar nicht wegen des unzweifelhaft vorhandenen Pariser Chics, sondern weil die Menschen dort einfach einen Sinn für schöne Dinge im Alltag haben - und damit eben auch für schöne Kleidung. Das ist etwas was ich in Deutschland sehr vermisse. Hier wird man ja gleich komisch angeguckt wenn man sich chic kleidet obwohl “doch gar nichts besonderes ist”. Hey, mein Leben ist besonders, reicht das nicht? :o)
An dieser Stelle muß ich übrigens doch noch eine Lanze für meine Heimat brechen: Stimmt schon, Köln ist nicht gerade die Hauptstadt der Mode, aber unser Belgisches Viertel muß sich hinter Berlin Mitte nicht verstecken. Kleiner Tip für modeliebende Besucher! ;o)
Liebe Lisa, danke für den mal wieder toll geschrieben Artikel, Dein Blog ist einfach immer lesenswert!
Liebe Grüße aus Köln!
also ich denke das Berlin auf jeden Fall mit keiner anderen deutschen Stadt konkurrieren kann was Mode angeht. Ich als Stuttgarterin bin jedes Mal ganz erstaunt was man in Berlin offen auf der Straße präsentieren darf und dass ohne doof angemacht oder angestarrt zu werden. In Stuttgart fällt man ja meist schon mit einem farbigen Wintermantel oder einen bunten Strumpfhose auf!
Schade finde ich den Boom bei den großen Modeketten in den Innenstädten Deutschlands. Meistens gibt es ja sogar nicht nur eine sondern dutzende Filialen der selben Geschäfte davon und den Leuten geht wirklich die Individualität flöten. In anderen Ländern traue ich mich dafür im Urlaub viel verrücktere Kombinationen und ausgefallenere Kleidungsstücke zu tragen. Vintage ist dabei natürlich nicht zu verachten! Und man wird nicht blöde angepöbelt sondern eher bewundert und auch nach Geschäften gefragt ;-)
Ja das war wirklich ein tolles Event.